Interviews

Ohne Schule geht es nicht. Aber geht es eventuell anders?

Anke M. Leitzgen spricht mit Jesper Juul, Lise Eliot, Peter Hoeg, Sonja Stuchtey, Jan-Hendrik Puls.

 

Jesper Juul

Jesper Juul: Streitthema Schule: Muss das sein?

Die Schule ist die größte Gefahr für den Familienfrieden. Warum das nicht sein muss, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul.

Was raten Sie Eltern, damit sie ihre Kinder gut durch die Schulzeit bringen?

Eltern müssen wissen, wo sie stehen. Leider stellen sie sich zu oft auf die Seite der Schule. Das ist falsch: Eltern sollen nicht der Schule gegenüber loyal sein, sondern gegenüber ihren Kindern. Sie müssen sich sogar unbedingt auf die Seite ihrer Kinder stellen.

Nur wie? Was die Schule erwartet, schaffen viele Kinder nicht allein. Oft geht es nicht einmal darum, dass sie etwas nicht können, sondern sie haben einfach zu viel zu tun. Und wenn man helfen will, gibt es oft Streit.

Wenn die Schule Eltern dazu zwingt, jeden Tag mit ihren Kindern zu streiten, läuft grundsätzlich etwas falsch. Darunter leiden viele Eltern. Sie fühlen sich in eine Rolle gedrängt, die sie und ihre Kinder unglücklich macht.

Die Lösung kann nur lauten: Eltern, verbündet euch und macht das nicht länger mit! Ich wundere mich schon lange, dass die Eltern das so geduldig ertragen. Warum protestiert ihr nicht? Das verstehe ich nicht.

Vielleicht aus der Sorge heraus, dass es nur in der eigenen Familie nicht klappt.

Wenn es einem wichtiger ist, nach außen so zu tun, als ob alles in Ordnung ist, muss man die Konsequenzen dafür natürlich tragen. Aber die Macht liegt bei euch Eltern. Das müsst ihr wissen. Wenn ihr nicht mitspielt, können Politiker und Schule so viel Druck machen, wie sie wollen – ohne euch erreichen sie nichts.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dass wir eigene Ziele für unsere Kinder formulieren. Wie machen wir sie stark für eine ungewisse Zukunft?

Man kann Kinder für die Zukunft nicht fit machen wie für einen Wettbewerb. Dafür ist die Zeitspanne viel zu lang. Wir brauchen Kinder, die mental gesund sind. Kinder mit guten psychosozialen Kompetenzen. Wenn diese Mädchen und Jungen später erfolgreich sein wollen, schaffen sie das auch.

Das klingt, als sollten wir den Kindern überlassen, ob sie überhaupt erfolgreich werden möchten?

Natürlich. Man kann niemanden zwingen, Erfolg haben zu wollen. Auch nicht das eigene Kind.

Das ist nicht leicht zu akzeptieren. Und selbst wenn man es schafft, muss man immer noch jetzt alles daran setzen, dass das Kind möglichst erfolgreich durch die Schulzeit kommt. Nur so hat es schließlich später die Wahl.

Der Schulerfolg entscheidet viel weniger darüber, wie gut Kinder später mal im Leben stehen werden, als Eltern oft denken. Viel mehr als irgendeine Grammatikregel müssen sie von uns lernen, wie man als Erwachsener lebt, wie man Job und Privatleben in Einklang bringt, wie man Konflikte löst und Freundschaften pflegt. Die heutigen Kinder haben unglaublich viel Stress – daher rühren viele Probleme. Hier und jetzt sein zu dürfen, das fehlt ihnen.

Weniger Stress heißt auch, mehr zu machen, wozu man Lust hat. Hausaufgaben gehören da eher nicht dazu. Sage ich dann: „Prima, es ist ja auch spannender, ein bisschen im Internet zu surfen?“

Warum nicht? Meistens stimmt das doch. Trotzdem bedeutet das nicht, dass Sie Ihre Sorgen verschweigen sollten. Sagen Sie zum Beispiel: „Deine Noten machen mir Angst, und ich frage mich, ob ich Druck und Kontrolle verstärken soll oder ob du es wirklich alleine schaffst …“

Mein Sohn würde sich für den Alleingang entscheiden. Aber ich weiß, dass das nicht funktioniert. Lasse ich ihn dann in die nächste Fünf rasseln?

Das kommt darauf an, wie alt er ist. Solange er unter 12 ist, können Sie ihm sagen: „Hör mal, jetzt machst du die Kiste aus und die Hausaufgaben fertig. Das ist mir wichtig.“ Sagen Sie es freundlich und Ihr Kind wird vermutlich mitspielen, weil Kinder am liebsten kooperieren. Wichtig ist, so zu sprechen, dass Ihr Kind versteht: Sie vertreten hier ihre eigenen Werte. Wer Kinder mit Respekt behandelt, kriegt Respekt zurück.

Und wie sieht das in der Pubertät aus?

Hören Sie auf, Ihr Kind mit Fragen zu überfallen. Kaum kommt es zur Tür herein, geht das doch oft schon los: Wie war’s in der Schule? Hast du eine Klassenarbeit zurückbekommen? Wann schreibst du die nächste? Wie viele Hausaufgaben hast du? Jugendliche hassen Kontrollen und
reagieren entsprechend einsilbig: Gut. Jep. Nicht viel…

Stimmt. Aber wie komme ich ins Gespräch?

Sprechen Sie über die Herausforderungen, denen Sie im Alltag begegnen. Und vor allem: Reagieren Sie nicht sofort, wenn Ihr Kind über seine Probleme spricht.

Warum nicht?

Wie verhalten Sie sich denn, wenn Ihr Partner Probleme am Arbeitsplatz hat? Dann erwartet er zu Recht von Ihnen Verständnis für seine Situation, echtes Interesse, Mitgefühl und das Angebot, zu helfen. Wenn Sie ihm gleich sagen, dass er fleißiger arbeiten und mehr mit seinen Arbeitgebern kooperieren müsse, wird er sicher dicht machen. Leider begegnen wir jedoch unseren Kindern häufig so, wenn es um die Schule geht.

Wie machen wir es besser?

Fragen Sie Ihr Kind. Sagen Sie, wir tun unser Bestes, um gute Eltern zu sein, aber du bist nicht zufrieden. Kannst du uns bitte einen Tipp geben? Kinder wissen zu 99 Prozent, was ihnen helfen kann.

frau

Lise Eliot: Jungen lernen anders. Mädchen auch.

Stimmt das wirklich? „Jein“, sagt die amerikanische Neurobiologin Lise Eliot. Sie arbeitet an der renommierten Chicago Medical School und beschäftigt sich besonders mit der unterschiedlichen Entwicklung von Jungen und Mädchen

Warum beschäftigt sie dieses Thema mehr als alles andere?

Mich hat es fasziniert, wie aus meiner Tochter ein „typisches Mädchen“ wurde und meine Söhne sich zu „typischen Jungs“ entwickelten. Hier die Leseratte, dort die beiden Raufbolde, die freiwillig kein Buch in die Hand nahmen. Als Neurobiologin war ich neugierig, ob sich diese Unterschiede auch im Gehirn zeigen. Falls Jungs- und Mädchengehirne tatsächlich Unterschiede aufweisen, wollte ich herausfinden, was dazu geführt hat: Natur oder Erziehung?

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Zunächst habe ich sehr genau untersucht, wie sich die Gehirne von Jungen und Mädchen unterscheiden und welche Rolle die Hormone und andere Einflüsse dabei spielen. Das Ergebnis: Wissenschaftlich lassen sich die Gehirne von Frauen und Männern kaum unterscheiden. Das gilt für die Gehirne von Mädchen und Jungen noch mehr. Die fehlenden Belege lösten bei mir einen totalen Blickrichtungswechsel aus: weg vom Gehirn und hin zum Enttarnen der zahlreichen Wege, auf denen Eltern, Lehrer und Kinder dafür sorgen, dass sich Mädchen „wie Mädchen“ und Jungen „wie Jungen“ verhalten.

Was ist der größte Mythos, den Sie jemals bezüglich „typisch Junge“ gehört haben?

Der gefährlichste besagt, dass Jungen nicht mitfühlend sind. In jeder sozialen Gesellschaft ist es lebensnotwendig, die Emotionen anderer lesen zu können. Ohne diese Fähigkeit hätten es Männer nicht durch die Evolution geschafft. Daher ist es auch wenig verblüffend, dass es keinen nennenswerten Unterschied in der Fähigkeit zur Empathie generell zwischen Kindern gibt – auch nicht zwischen Jungen und Mädchen.
Warum hält sich dann diese Überzeugung so hartnäckig?

Jungs reden wenig über ihre Gefühle. Das führt häufig zu der Annahme, sie hätten auch keine. Falsch!

Wie sieht es bei den Mädchen aus?

Bei ihnen heißt der größte Mythos: „Mädchen sind nicht aggressiv.“ Was für ein Quatsch! Es stimmt, dass sie als Kleinkinder weniger oft zuschlagen, Beziehungsaggression ist jedoch unter Schülerinnen bis etwa zur zehnten Klasse ein Riesenthema. Mädchen wetteifern genauso wie Jungs um ihre Position in der Gruppe. Bei ihnen geht es in der Regel ums Aussehen und wer die Dünnste ist. Und ihre Mittel sind von außen nicht leicht zu erkennen, weil die Kämpfe eher mit fiesen Bemerkungen ausgetragen werden.

Was schlagen Sie vor?

Das Konkurrenzbedürfnis der Mädchen sollte endlich Anerkennung finden und nicht länger unter den Tisch gekehrt werden. Dann lässt es sich auch in Bahnen lenken, in denen es nützlich für sie ist. Mädchen müssen erfahren, dass Wettbewerb eine gute Sache ist, wenn er zum Beispiel im Sport oder durch gute Leistungen in der Schule ausgetragen wird.

Aber vielleicht wollen die Kinder gar nichts an der Rollenverteilung andern? Im Alltag sieht es doch so aus, dass nur wenige Jungen von sich aus die Tanz-AG wählen, während die Mädchen die Computer-AG meiden.

Stimmt. Aber das heißt doch nicht, dass es ihnen gut tut, wenn sie sich nur einseitig ausrichten. Ich bin dagegen, dass man Schülern die Wahl lässt. Zu meiner Schulzeit war Schreinern und Handarbeiten für alle Schüler Pflicht. Seit Kinder die Wahl haben, sortieren sie sich ordentlich nach Geschlechtern ein. Wenn wir die riesige Lücke, die zwischen ihnen klafft, schließen wollen, dürfen wir das nicht weiter zulassen. Dann müssen wir diese Entscheidungen für sie treffen und so unpopuläre Dinge sagen wie: „Natürlich machst du da mit!“

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Das Gehirn ist aus einem fantastischen Material gemacht. Was immer man tut, das Gehirn formt sich entsprechend um und baut die notwendigen Vernetzungen auf. Wenn man einen offensichtlichen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bemerkt, sollte man sich daher immer fragen: Was hat dieses Kind die letzten drei Jahre gemacht, dass sein Gehirn so gut oder so schlecht für diese Sache geformt ist? Besonders wichtig wird das, wenn ein Mädchen oder Junge in einem Bereich große Probleme hat – egal, ob es Mathe, Lesen, Rechtschreiben oder Stillsitzen ist. Dann heißen die richtigen Fragen: Welche Umgebung und welche Übungsformen sind für dieses Kind richtig, damit es aufholen kann? Ganz sicher ist ihm damit nicht gedient, dass es weiterhin meidet, was es nicht kann.

Das klingt, als sei mit jedem Gehirn alles machbar. Meinen Sie das auch so?

Mir geht es darum, dass wir kein Kind mit dem Gedanken aufgeben „So ist es nun einmal“. Warum sich ein Kind so oder so entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab wie Hormonen, Freunden und Eltern. Geschlechtstypische Entwicklung ist ein unglaublich komplexes Thema, das von manchen Experten viel zu simpel dargestellt wird. Heraus kommt dann so ein Mist wie „Mädchen haben große Schwierigkeiten, manche Aspekte in Mathematik zu lernen“. Wie soll ein Mathe-Lehrer, der einen solchen Schwachsinn liest, Mädchen und Jungen anschließend noch gleichermaßen gut unterrichten können?

Buchtipp: Lise Eliot: „Wie verschieden sind sie? Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen“, Berlin Verlag, 26 Euro

Peter Hoeg

Peter Hoeg: „Lass dein Herz entscheiden!“

Wie macht man Kinder stark für die Zukunft? Das erklärt der dänische Bestsellerautor Peter Høeg

Warum ist Ihnen das Thema Einfühlungsvermögen so wichtig?

Weil unsere Kinder in einer Zeit aufwachsen, in der es vor allem um Leistung und Äußerlichkeiten geht. Das heißt, sie werden ständig an zwei Fragen gemessen. Erstens: Wie erfolgreich bist du? Und zweitens: Wie siehst du aus?

Das stimmt, und das ist für viele Jugendliche sehr anstrengend.

Nicht nur das. Es birgt vor allem auch die Gefahr, dass sie den guten Kontakt zu sich selbst verlieren. Das passiert nämlich, wenn man die Bewertungen von außen zu ernst nimmt. Wir müssen unseren Kindern daher unbedingt zeigen, wie man bei sich bleiben kann, obwohl man von anderen ständig in Frage gestellt wird.

Und wie macht man das?

Zum Beispiel mit einer sehr einfachen Übung. Dabei geht es darum, das eigene Herz im Ruhepuls zu spüren. Am besten legt man dazu die Hand aufs Herz. Wenn man einem Kind sagt: `Spür mal, wie es deinem Herz geht´, dann versteht es das sofort. Jugendliche und Erwachsene müssen oft ein bisschen länger üben. Denn natürlich geht es dabei nicht so sehr um das Organ, sondern viel mehr um die Gefühle, die in dieser Gegend empfunden werden: Vertrauen, Freude, Trauer, Mitgefühl, Dankbarkeit und Liebe zum Beispiel. An diese Emotionen kommt man leichter ran, wenn man das Herz tatsächlich ganz aktiv mit der eigenen Hand fühlt.

Wenn einem das Herz sprichwörtlich schwer ist, könnte man das ändern?

Wir haben eine spielerische Übung dazu gemacht, die einem das Entscheidungen treffen leichter macht. Sie heißt „Frag dein Herz“. Dabei richtet man seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Herz, wenn man eine schwierige Entscheidung treffen will. Erst gestern wusste ein 14jähriges Mädchen nicht, ob sie zu einer Party gehen sollte, die ihr sehr wichtig war, oder besser den Abend mit einer Freundin verbringen, der es nicht gut ging. Sie war vollkommen hin- und hergerissen. Und ich habe ihr gesagt: „Lass dein Herz entscheiden!“ Es hat keine Minute gedauert und sie wusste ganz genau, was sich richtig anfühlte. So eine klare Entscheidung kann der Kopf einfach nicht treffen, da dreht man sich ständig im Kreis. Aber das Herz weiß es. Kinder, die diese Erfahrung ein paar Mal gemacht haben, sind schon ein gutes Stück gestärkt für die Anforderungen des Lebens.

Und wie handhaben Sie selbst komplizierte Situationen mit Ihren Kindern?

Ich versuche, möglichst eine kurze Denk- und Atempause einzulegen, bevor ich reagiere. Ein Beispiel: Meine älteste Tochter hatte immer ein sehr starkes Freiheitsbedürfnis. Und als sie acht Jahre alt war, wollte sie allein zur Schule fahren. Da gab es so eine typische Situation, in der ich am liebsten gleich gesagt hätte: „Das geht nicht, du kannst die weite Strecke nicht allein mit dem Zug fahren.“ Stattdessen habe ich einen Moment lang versucht herauszufinden, warum ich so sehr dagegen war. Dabei wurde mir klar, dass es allein um meine eigene Angst ging. Und genau das habe ich dann auch gesagt: „Ich habe das Gefühl, du musst das jetzt machen, weil es für dich wichtig ist. Und ich glaube auch, dass du das schaffst. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich habe zu viel Angst, dass etwas passieren könnte.“ Wir haben uns dann auf einen Kompromiss geeinigt. Auf der gefährlichsten Strecke habe ich sie noch begleitet, die letzten 300 Meter zur Schule ist sie allein gegangen. Mit dieser Entscheidung waren wir beide glücklich. Und dass wir sie gefunden haben, lag sicher maßgeblich an diesem kleinen Moment, den ich mir vor meiner Antwort genommen habe.

Buchtipp: Peter Høeg, Jesper Juul und vier andere Kinderexperten haben sich vor einigen Jahren zusammengetan, um herausfinden, welche einfachen Instrumente man Kindern an die Hand geben kann, damit sie trotz aller Anforderungen bei sich selbst bleiben. Aus dem Think Tank ist mittlerweile eine staatliche Ausbildung für Lehrer geworden, die den Schulalltag der Kinder wieder in Balance bringen soll. Die Forschungsergebnisse liegen jetzt als Buch vor: „Miteinander – Wie Empathie Kinder stark macht“ (Beltz, 14,95 Euro).

Sonja Stuchtey

Sonja Stuchtey: Der Weg ist das Ziel!

Schulkind werden, das heißt aus Kinderperspektive vor allem eines: „Meine Welt wächst!“ Aber was brauchen Mädchen und Jungen, um darin selbstbewusst und neugierig die ersten Schritte machen zu können? Diese Frage hat sich auch Sonja Stuchtey gestellt – und beantwortet. Die Mutter von fünf Kindern hat vor zehn Jahren die preisgekrönte Bildungsinitiative Science Lab gegründet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was Kindern hilft, die Welt Stück für Stück zu erobern. Und was sie Eltern rät, um das eigene Kind klug durch den Schulstart zu lotsen:

Als Mutter sind sie bereits Einschulungsprofi. Wie begleiten sie Ihre Kinder beim Start in den neuen Lebensabschnitt?

Ich arbeite vor allem an mir und meinen Erwartungen. Es ist nämlich nicht leicht, sich immer wieder klar zu machen, dass mein Kind keine Blaupause von mir ist und deshalb das Recht hat, seinen eigenen Weg zu gehen – auch wenn es ein Schulkind ist!

Wie machen Sie das?

Wie alle Eltern werde ich von meinen Kindern mit Fragen über Gott und die Welt gelöchert. Und dabei versuche ich ihnen gut zuzuhören. Das heißt, ich versuche nicht nur zu verstehen, was das Kind sagt, sondern auch das, was es meint. Außerdem liefere ich nicht gleich die Antworten auf die Fragen, sondern versuche das Kind erst einmal seine eigenen Gedanken zu Ende denken zu lassen. Ich frage oft zurück: Was glaubst du denn? Wie stellst du dir das vor?

Und wenn sich das Kind denkt, dass für die Lösung Zwerge oder Elfen verantwortlich sind – führt man es damit nicht auf einen Irrweg?

Nein. Auch beim Denken gilt: Der Weg ist das Ziel. Vielleicht kommt das Kind gerade über Denkumwege auf spannende Ideen und Lösungen, die man selbst gar nicht im Kopf hatte. Und genau das müssen unsere Kinder ja künftig können, um sich im Leben zurechtzufinden: nicht einfach wiederholen, was wir ihnen vorsagen, sondern quer denken und hoffentlich mehr entdecken und erkennen, als wir es tun.

Gab es eine Initialzündung für die Gründung Ihrer Initiative?

Ja, das Lernmaterial, mit dem in den Schulen gearbeitet wird. Als eines meiner Kinder das Thema in der Grundschule hatte, brachte es ein Blatt mit, auf dem eine Glühlampe aufgezeichnet war. Und natürlich konnte es jedes Teil benennen: den Schraubsockel, den Glühfaden und so weiter. Aber wie nun das Licht dort entsteht, das wusste es nicht. Mit der Zeit wurde ich immer aufmerksamer und bemerkte, dass wissenschaftliche Zusammenhänge gar nicht im Unterricht erforscht und diskutiert werden, Meist geht es nur um die Fachwörter, die Kinder wie für einen Vokabeltest lernen sollen. Das wollte ich ändern.

Wie machen Sie das ganz konkret im Glühbirnen-Beispiel?

Wir zeigen den Kindern erst einmal den glühenden Docht in einer brennenden Kerze. Und dann den glühenden Faden in einer leuchtenden Glühbirne. Daraufhin überlegen wir gemeinsam, welche Gemeinsamkeit man zwischen Docht und Glühfaden beobachten kann. Ah, beides ist hell und beides wird heiß! Und so arbeiten wir uns immer weiter vor, bis jedes Kind versteht, dass in dem Faden Reibung durch den Elektronenfluss entsteht. Wenn man auf diese Weise versteht, was tatsächlich passiert, begreift man gleichzeitig auch ein Stück mehr von der Welt. Das macht Kinder selbstsicher und selbstbewusst. Und genau das ist mir wichtig.

Ihre Kinder sind zwischen 14 und vier Jahren alt. Gibt es etwas, was Sie aufgrund Ihrer Erfahrung heute bei der Einschulung anders machen als früher?

Ja! Ich glaube nicht mehr an pädagogische Konzepte, die meiner Logik sehr widersprechen. Kind Nr. 1 hatte schon Schwierigkeiten damit, die Rechtschreibung über das Hören von Lauten zu lernen. Kind Nr. 2 ist damit vollkommen in der Legasthenie gestrandet. Ab Kind Nr. 3 habe ich mich daneben gesetzt und gleich jeden Fehler beim Schreiben korrigiert – und wir hatten keine großen Probleme beim Rechtschreiben lernen mehr. Wenn ich jetzt in der ersten Klasse sitze und das Konzept erklärt wird, sagt die Lehrerin schon immer: „Ich weiß, Frau Stuchtey, Sie glauben nicht daran.“

Was raten Sie anderen Eltern?

Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl, wenn Sie Ihr Kind beim Lernen begleiten! Und vielleicht heften Sie sich ein paar hilfreiche Merksätze an die Kühlschranktür: Habe ich heute Fragen meines Kindes zugelassen? Habe ich bei der Suche nach Antworten auch selbst mal einen Satz mit Fragezeichen beendet? Habe ich eigene Fragen gestellt? Und ganz wichtig: Habe ich mich heute zumindest einen Moment lang auf das Abenteuer eingelassen, mit meinem Kind die Welt ganz neu zu entdecken?

Jan Hendrik-Puls

Jan-Hendrik Puls: Schulbeginn und Schulwechsel – der Countdown läuft

Gute Ideen für die letzten Wochen und einen sanften Start – In wenigen Wochen beginnt für viele Kinder ein ganz neuer Lebensabschnitt. Die einen kommen in die erste Klasse, bei den anderen steht der Schulwechsel unmittelbar bevor. In beiden Fällen verändert sich vieles rund ums Lernen – und es ist gut, wenn die Eltern das entspannt begleiten können. Wie das am besten geht, sagt der Kindertherapeut und Vater von drei Kindern Dr. Jan-Hendrik Puls:

Gibt es so etwas wie den ultimativen Tipp, der Kinder und Eltern auf neue Lernsituationen vorbereiten kann?

Egal, ob es um den Schulstart oder den Übertritt geht, beide Situationen haben viele Unbekannte: Die Lehrer kennt man nicht, die Klassengemeinschaft, den Banknachbarn, die Lernanforderungen, nichts davon ist klar. Eine Sache steht aber bereits fest: Kind und Eltern werden weiterhin zu Hause miteinander das neue Leben stemmen. Und da

s Lernen damit auch. Das klappt vor allem dann gut, wenn die Beziehung stimmt, und zwar auch dann, wenn es mal ein bisschen kniffelige Dinge im Kopf zu lösen gilt. Ich lege Eltern deshalb sehr ans Herz, dass sie viel mit ihrem Kind spielen.

Meinen Sie bestimmte Spiele, die auf die Schule vorbereiten?

Nein, ich meine damit ausdrücklich keine besonderen Förderspiele, sondern solche, die ohne ein bestimmtes Lernziel vor Augen einfach Gehirn und Aufmerksamkeit herausfordern. Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern und Kinder das viel zu wenig miteinander tun.

Einer Ihrer Söhne kommt jetzt auch in die Schule. Ihre älteste Tochter ist in Klasse 5. Was spielen Sie zum Beispiel mit den beiden?

Die klassischen Kim-Spiele zum Beispiel. Etwa: Das Kind prägt sich ein, was sich alles auf dem Frühstückstisch befindet. Dann schließt es die Augen und man entfernt eine Sache, die es anschließend finden muss. Am Anfang geht es mit dem großen Marmeladenglas direkt vor der Nase los. Mit der Zeit steigert man die Schwierigkeit. Das gilt genauso für alle anderen Stegreif-Spiele. (Siehe Kasten)

Und warum lehnen Sie Förderspiele in diesem Zusammenhang ab?

Fördern ist ein heikles Thema. Man muss sehr genau hinschauen, um einem Kind nicht generell den Spaß am Lernen zu nehmen. Für Eltern gilt: Es lohnt sich, wenn man sich so weit wie möglich zurückhält. Das fängt schon damit an, wenn man Kinderfragen beantwortet. Ohne dass man es selbst bemerkt, erklärt man oft viel zu viel.

Woran kann man es denn merken?

Kinder interessiert oft nur ein ganz bestimmter Aspekt an ihrer Frage. Aber als Erwachsener neigt man dazu, bei der Antwort weit übers Ziel hinauszuschießen. Das liegt daran, dass uns die Zusammenhänge meist klar sind, und wir deshalb die Informationsmenge schnell unterschätzen. Für das Kind ist aber eventuell alles neu und es fühlt sich überfordert, wenn es mehr nicht aufnehmen kann. Dann macht es dicht.

Wie machen Sie es denn mit Ihren Kindern?

Neugierige Fragen greife ich natürlich auf und suche nach der Antwort auch im Internet, wenn ich etwas nicht weiß. Aber ich achte darauf, dass ich aufhöre, wenn ich merke, dem Kind reicht es jetzt. Ich finde nämlich, Kinder sollten ihr eigenes Lerntempo bestimmen dürfen. In der Schule haben sie viel zu wenig Raum dafür, deshalb ist es so wichtig, dass sie es zu Hause dürfen.

Erstklässler kann man auf diese Weise ja noch gut begleiten. Aber was ist mit den Fünftklässlern? Bei so vielen neuen Fächern man doch ein Auge darauf haben!

Die Lehrerin meiner Tochter hat vom ersten Tag ein Buddy-System eingeführt, das allen Kindern sehr geholfen hat, sich auch dann schnell wieder zurechtzufinden, wenn man den Überblick im Informationsdschungel verloren hat.

Und wie funktioniert das?

Drei Kinder wurden von der Lehrerin zu Buddys ernannt. Jeder Buddy hat damit die Aufgabe erhalten, seinen beiden anderen Buddys zu helfen. Das heißt, wenn einer nicht weiß, welche Hausaufgaben aufgegeben wurden oder sonst irgendwie nicht weiter weiß, weiß er genau, wenn er anrufen kann. Alle Schüler wurden immer wieder ausdrücklich dazu ermuntert, davon Gebrauch zu machen. Die Buddys waren übrigens willkürlich ernannt worden, Freundschaften wurden dabei nicht berücksichtigt.

Das hilft natürlich bei der Organisation. Aber was empfehlen Sie Eltern, wenn es in einem Lernbereich in der Schule besonders schleppend vorangeht?

Kinder lernen auf eine Weise, die ich die Salami-Taktik nenne. Das heißt, sie eignen sich das Wissen scheibchenweise an. Sie interessieren sich für etwas, saugen ganz viel auf und dann ist das Thema plötzlich erst einmal für sie abgeschlossen. Da kann es passieren, dass man denkt, dieses Kind ist ein echter Mathe-Fan, weil es im Vergleich zu anderen so viel weiter ist und plötzlich sind seine Leistungen wieder auf einem ganz normalen Niveau, weil es sich für andere Dinge interessiert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Kinder immer mal wieder mal im einen oder anderen Fach hinterherhinken. Es verteilt seine Energie nie in alle Lernbereiche gleichzeitig. Im Zweifelsfall ist es natürlich wichtig, Entwicklungsdefizite auszuschließen. Aber ansonsten rate ich Eltern an dieser Stelle zur Gelassenheit.

Leichter gesagt als getan!

In meiner Praxis erzählen mir Eltern oftmals die gleichen Sorgen rund um die Schule und haben das Gefühl, ganz alleine damit dazustehen. Es stellt sich fast immer heraus, dass sie zwar viele Freunde haben, aber niemanden, mit dem sie ihre Schulsorgen teilen. Dabei bietet es so viel Entlastung, wenn man weiß, dass es anderen genauso geht.

Wie können Eltern denn miteinander mehr ins Gespräch kommen?

Ich gebe abends Elterntrainings, da ergibt sich das jedes Mal von selbst. Oft wird schon noch am gleichen Abend auf Elternwunsch eine Adressenliste geschrieben. Das ist zum Beispiel eine wirklich gute Möglichkeit, wenn man im persönlichen Umfeld niemanden findet. Denn Elterntrainings gibt es wirklich überall. Die Jugendämter und Erziehungsberatungsstellen haben zum Beispiel alle Infos dazu.